Mobbing in der Schule: Erste Hilfe für Eltern und Lehrkräfte
- Andrea Holnsteiner-Templ
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Ein fachlicher Impuls aus meiner pädagogischen und beratenden Praxis für belastende Situationen im Schulalltag

Wenn Kinder von Streit, Ausgrenzung oder Verletzungen berichten, geraten Erwachsene schnell unter Druck.
Eltern wollen schützen. Lehrkräfte wollen gerecht handeln.
Und oft steht rasch ein großes Wort im Raum: Mobbing.
Eines vorweg: wirksame Erste Hilfe beginnt nicht mit Überreaktion – sondern mit Hinhören, Einordnen und gemeinsamer Verantwortung.
Nicht alles ist Mobbing – warum diese Unterscheidung wichtig ist
Mobbing ist ein starkes Wort – und ein erschöpftes.
Nicht jede Auseinandersetzung, nicht jeder Konflikt und nicht jede Kränkung ist automatisch Mobbing.
Fachlich wird in der Regel von Mobbing gesprochen, wenn mehrere Kriterien zusammenkommen:
Es geschieht wiederholt,
es besteht ein Machtungleichgewicht,
ein Kind kann sich kaum mehr selbst schützen –
und die Situation hält über längere Zeit an.
Diese Differenzierung schützt alle Beteiligten.
Denn wenn jede schwierige soziale Situation vorschnell als Mobbing benannt wird, entsteht ein Druck im System:
Eltern reagieren alarmiert, Lehrkräfte fühlen sich angeklagt – und Kinder erhalten weniger Raum, Konfliktfähigkeit, Verantwortung und soziale Kompetenzen zu entwickeln.
Ein ehrlicher Blick auf die kindliche Entwicklung im schulischen Kontext bedeutet deshalb auch:
Kinder machen Fehler – und lernen an ihnen.
Sie geraten in Streit und haben dabei so auch die Möglichkeit, emotionale und soziale Fähigkeiten zu entwickeln.
Sie verletzen andere - meist ungewollt, manchmal aus Überforderung, manchmal aus Unreife.
Das schmälert die Belastung solcher Situationen nicht.
Aber es bedeutet: Entwicklung braucht Begleitung statt Schuldzuweisung.
Wir helfen Kindern nicht, indem wir sie vorschnell von jedem Konflikt freisprechen, weil wir überzeugt sind, „so etwas würde mein Kind nie tun“.
Genauso wenig helfen wir ihnen, wenn wir ihnen rasch die Verantwortung zuschreiben, weil sie ohnehin als „schwierig“ gelten.
Erste Hilfe heißt: Sicherheit herstellen – nicht sofort lösen
Aus entwicklungspsychologischer und schulischer Sicht zeigt sich immer wieder:
In belastenden sozialen Situationen brauchen Kinder zunächst emotionale Sicherheit.
Erst wenn sie sich gehört, ernst genommen und innerlich stabil fühlen, können Lösungen greifen.
Die folgenden Schritte helfen, handlungsfähig zu bleiben – ruhig, selbstgesteuert und alltagstauglich.
Konkrete Erste-Hilfe-Schritte bei Mobbing, Streit und Konflikten
1. Genau hinhören – nicht überreagieren
Nimm dir Zeit zuzuhören, ohne sofort einzugreifen oder zu bewerten.
Gefühle dürfen da sein, ohne relativiert oder dramatisiert zu werden.
Sicherheit entsteht, wenn ein Kind spürt:
Meine Wahrnehmung zählt.
2. Verhalten beobachten – nicht vorschnell festlegen
Beobachte über einen Zeitraum:
Was passiert konkret?
Wann, wo und mit wem?
Verändert sich das Verhalten deines Kindes?
Vermittle deinem Kind dabei klar:
Hilfe zu holen ist wichtig, wenn sich etwas (dauerhaft) nicht gut anfühlt.
3. Auf Heimlichkeiten achten
Belastende Dynamiken wie Mobbing oder Ausgrenzung geschehen häufig im Verborgenen.
Warnsignale können Rückzug, plötzliche Schulangst, Geheimhaltungsdruck oder psychosomatische Beschwerden sein.
Hier gilt: ruhig bleiben, wachsam sein, weiter beobachten und am besten gleich zum nächsten Schritt:
4. Schule einbeziehen – gemeinsam, nicht gegeneinander
Beziehe Lehrkräfte frühzeitig ein und frage:
„Was nehmen Sie in der Schule wahr?“
Ziel ist gemeinsames Hinschauen, nicht Schuldzuweisung.
Kooperation zwischen Elternhaus und Schule hat sich in der schulischen Praxis als deutlich stabilisierender erwiesen als Konfrontation.
⤵️ Weiter unten im Artikel findest du ergänzend einige Fragen, die Elterngespräche in emotional belastenden Situationen unterstützen können.
5. Konkrete Vorfälle festhalten
Statt pauschaler Vorwürfe hilft es, konkrete Situationen aufzuschreiben:
Was ist passiert?
Wann?
Wer war beteiligt?
Das schafft Klarheit und kann Eskalationen bei einem Klärungsgespräch vorbeugen.
6. Haltung der Neuen Autorität: Wir tragen gemeinsam Verantwortung
Ein wirksamer Ansatz aus der Praxis ist die Haltung der Neuen Autorität nach Haim Omer. Ein Grundsatz der sich für mich aus dieser Haltung herauskristallisiert hat:
Wir schauen gemeinsam darauf, dass es allen Kindern gut geht – weil jedes Kind wichtig ist.
Das gilt für betroffene Kinder und für jene, die verletzendes Verhalten zeigen.
7. Elterngespräche: Schutz ja – Anklage nein
In Gesprächen mit anderen Eltern hilft eine klare Grundhaltung:
Wir wollen hier niemanden niedermachen.
Wir wollen, dass es allen Kindern in der Schule gut geht.
Es ist eine Pflicht und eine Verantwortung, das eigene Kind zu schützen. Wer sollte es sonst machen, wenn nicht die Eltern?
Gleichzeitig braucht als Elternteil eines beschuldigten Kindes als auch als Elternteil eines verletzten Kindes, den Mut, konkrete Situationen zu benennen statt vage Beschuldigungen auszusprechen. Auch hier hilft sachliche Dokumentation.
Was nicht hilft
So verständlich manche Reaktionen sind – sie verschärfen diese belastenden Situationen häufig:
Bagatellisieren, vorschnelle Schuldzuweisungen, Appelle wie „Ignorier es einfach“ oder blinder Aktionismus alla vor der Schule abwarten und dem "Täter-Kind" gehörig die Meinung sagen, können dazu beitragen, dass sich eine Negativspirale weiter beschleunigt und verfestigt.
Wirksamkeit entsteht hingegen durch Klarheit, Beziehung, moderierte und geplante Gespräche sowie durch Struktur – auch wenn genau das in emotional hochbelasteten Zeiten schwer zugänglich ist.
Denn oft wünscht man sich in solchen Momenten vor allem eines: dass es endlich aufhört!
Der Fokus bleibt: Selbstwert stärken – bei allen Kindern
Langfristig zeigt sich in meiner pädagogischen und psychologischen Beratungsarbeit deutlich:
Kinder, die sich sicher fühlen, Selbstwirksamkeit erleben und sich ihres eigenen Wertes bewusst sind, geraten seltener in belastende soziale Dynamiken – als Betroffene ebenso wie als Beteiligte.
Wenn du tiefer verstehen möchtest, warum Kinder andere klein machen oder selbst klein werden, findest du hier einen weiteren interessanten Artikel:
👉 Warum Kinder andere klein machen – oder selbst klein gemacht werden
Hilfreiche Fragen für Elterngespräche in belastenden Situationen
Diese Fragen können helfen, Gespräche mit Lehrkräften oder anderen Bezugspersonen offen, sachlich und kooperativ zu führen:
„Ich erlebe mein Kind zu Hause aktuell als sehr angespannt / zurückgezogen / reizbar (...). Haben Sie in der Schule etwas Konkretes beobachtet, das zu diesem Verhalten beitragen könnte?“
„Gibt es Situationen im Schulalltag, in denen mein Kind aus Ihrer Sicht besonders unter Druck gerät?“
„Wo erleben Sie mein Kind aktuell eher stabil – und wo eher unsicher?“
„Was hat sich aus Ihrer Erfahrung in ähnlichen Situationen als hilfreich erwiesen?“
„Was wäre aus Ihrer Sicht ein guter nächster, überschaubarer Schritt?“
Zum Schluss
Dieser Artikel ist als erster Impuls aus meiner pädagogischen Praxis als Betreuungslehrerin im sozial-emotionalen Bereich und meiner beratenden Arbeit gedacht.
Das Thema Mobbing ist sehr komplex und es gibt noch viele weitere Punkte die jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen würden.
Für Lehrkräfte und pädagogische Einrichtungen hat die Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJa) eine hilfreiche Zusammenfassung zu diesem Thema bereitgestellt.
Eltern erhalten zB. über die Elternbildungsseite weitere, vertiefende Anregungen.
So viel sei jedoch gesagt:
Du musst solche Situationen nicht alleine tragen – egal ob als Elternteil oder Lehrkraft.
Verantwortung und Blickwinkel zu teilen ist ebenso ein erster entlastender Schritt.
In meiner Arbeit begleite ich Kinder und Erwachsene u. a. mit PEP®, um innere Sicherheit, Selbstwert und Handlungsspielraum zu stärken – klar, strukturiert und sehr alltagstauglich.



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