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Wutanfälle besser verstehen: Warum es hilft, Gespräche zu parken

Wenn sich zwei streiten …


Wenn sich zwei streiten, ist das für alle Beteiligten anstrengend.

Streit gehört natürlich zum Leben dazu – das wissen wir alle.


Aber: Wie du damit umgehst, entscheidet, ob er zerstörerisch wird – oder ob du mit deinem Streitpartner sogar daran wachsen kannst.


Manchmal hilft es, nicht sofort auf Provokationen, miese Laune oder einen Wutanfall deines Gegenübers zu reagieren.


Hin und wieder gelingt das in einer sich anbahnenden Streitsituation auch ganz gut, oder?


Manchmal aber geht alles blitzschnell – und schon stecken wir selbst mitten in der Wutspirale.


An diesem Punkt kann es hilfreich sein, sich ein Ritual anzueignen, das aus dieser Negativspirale herausführt:


das Gespräch bewusst zu parken, sich abzulenken, etwas anderes zu tun.


Denn mitten in einem Wutsturm der Stärke 9/10 ist dein Gehirn tatsächlich im Ausnahmezustand.


🧠 Was im Körper passiert, wenn die Wut übernimmt


In solchen Momenten sind wir Menschen tatsächlich nicht mehr ganz bei Verstand – im wahrsten Sinn des Wortes.


Evolutionär ist unser Nervensystem so gebaut:

Sobald es eine Bedrohung spürt – körperlich oder emotional – übernimmt das limbische System, also jener Teil des Gehirns, der für Emotion und Überleben zuständig ist.


➡️ Dein Körper schaltet dann in den Überlebensmodus:

Kampf 🥊, Flucht 🏃‍♀️ oder Erstarren 🧊 – that’s it.


Gleichzeitig tritt der präfrontale Kortex – unser „Verstand“, der für Impulskontrolle, Emotionsregulation und überlegtes Handeln zuständig ist – in den Hintergrund.


Erst wenn wir uns wieder sicher fühlen, schaltet sich dieser Bereich zurück ein.


Dann können wir wieder klar denken, zuhören und Lösungen finden.


👉 Kurz gesagt:

Ein Wutanfall oder Wut an sich ist keine Charakterschwäche.

Sie ist ein Zeichen, dass unser Nervensystem Alarm schlägt.


🅿️ Warum es hilft, das Gespräch zu parken


Wenn wir in diesem Zustand weitermachen, handeln wir nicht mehr aus Verbindung, sondern aus dem Überlebensmodus heraus.


Darum hilft es, einen Schritt zurückzugehen – räumlich, innerlich oder beides.


Einmal raus aus der Dynamik, Abstand schaffen, runterkommen.

So kommst du zurück in Handlungs- und Beziehungsfähigkeit.


🌤️ Die Wutwolken lösen sich langsam auf, und die Sonne lichtet sich wieder.

Also: lieber Pause statt teurer Porzellanbruch, oder? 💥


🧊 Wutstrategien, die guttun (statt wehtun)


Wut ist Energie – und Energie will sich bewegen.


Wie du sie kanalisierst, macht den Unterschied zwischen konstruktiver und destruktiver Wut.


Diese Unterscheidung hat mir - im Verstehen von Wutanfällen - in meiner Ausbildung, meiner eigenen Entwicklung, in der Erziehung meiner Kinder als auch in der Schule bereits oft weitergeholfen.


💥 Destruktive Wut verletzt – mit Worten, Taten oder auch mit ignorierendem, tagelangem Schweigen.


💛 Konstruktive Wut nutzt die Energie, um etwas zu verändern – ohne zu zerstören.


Hier ein paar Ideen, wie du Wut in Bewegung bringst, ohne jemandem weh zu tun:


🧽 Putzen: mein persönlicher Favorit 😅 – bringt mir Autonomie & Überblick zurück.

🎨 Kritzeln oder Malen: der Wut eine Form geben.

🧍‍♀️ Springen, Hüpfen, Schreien (ins Kissen): Spannung abbauen.

🚶‍♀️ Spazieren oder Laufen: Abstand schaffen.

🏋️‍♀️ Ins Fitnessstudio gehen: die Kraft mit der Wut messen.

💨 Atmen: bewusst langsam aus – beruhigt den Körper und aktiviert den präfrontalen Kortex.

✍️ Schreiben oder Reimen: Chaos in Worte bringen.

🎧 Musik: laut drehen, tanzen, schütteln, dann langsam wieder leiser werden.


Wichtig ist nicht, was du tust – sondern dass du die Energie ins Fließen bringst, ohne dein Gegenüber zu verletzen.


🌿 Warum Wutanfälle Klein & Groß betreffen – in Schule, Zuhause & Job


Und genau das macht Wut so spannend: Sie ist in allen Altergruppen präsent. Sie betrifft Kinder genauso wie Erwachsene – nur in anderer Verpackung.


Ein Wutanfall kennt keine Altersgrenze.


  • In der Schule, wenn Kinder streiten und wir als Lehrkraft ruhig bleiben müssen.

  • In Familien, wenn die Autonomiephase oder die dunklen Seiten der Pubertät toben („Ich will aber selbst!“ oder „Mama, du kannst mich mal!“).

  • In Partnerschaften, wenn zwei Erwachsene plötzlich wieder wie kleine Kinder streiten.


Wut zeigt ein Bedürfnis, das nicht gesehen wird – oder eine unerfüllte Erwartung.


Zum Beispiel nach


👉 Autonomie

👉 Sicherheit

👉 Beziehung


Diese drei Kernbedürfnisse – Autonomie, Sicherheit und Beziehung – bilden auch das Fundament der selbstwirksamkeitsstärkenden und emotionsregulierenden Methode in der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie (PEP®) nach Dr. Michael Bohne (vgl. Bohne, 2021; v. Witzleben, 2019)1.


In meiner Beratungspraxis Bunt Denken arbeite ich regelmäßig mit dieser Methode. Vielleicht hast du auch schon davon gehört - manche sagen umgangssprachlich auch "Klopfen" dazu.


Viele Klientinnen erleben dabei, wie sie ihre Wut und andere starke Gefühle besser wahrnehmen, verstehen, regulieren – und sogar als neue Kraftquelle für Selbstführung und Beziehung nutzen können.

Oft zeigt sich dabei:

Die eigentlichen Bedürfnisse liegen zunächst hinter einer Nebelwand aus starken Gefühlen verborgen.


In Momenten intensiver Wut, Angst oder Enttäuschung ist die Tür zu diesen tieferen Schichten oft verschlossen – das Gehirn schützt uns, indem es sozusagen in den Überlebensmodus schaltet.


Doch sobald sich der Nebel lichtet, wird der Blick wieder frei auf das, was hinter der Emotion steht:

das Bedürfnis, gesehen, gehört oder frei zu sein.

Und genau hier setzt Veränderung an:


Wir können lernen, neue Wutgewohnheiten zu entwickeln –

Strategien, die uns helfen, runterzukommen, ohne andere zu verletzen.


💬 Wut gehört dazu - Wutanfälle zu verstehen hilft


Wut gehört zum Leben.

Sie zeigt uns, wo wir an unsere Grenzen kommen – oder wo unsere Bedürfnisse nicht gesehen werden bzw. auch von uns nicht genau genug kommuniziert worden sind.

(Wir wollen ja die „Schuld“ auch nicht immer beim anderen suchen, oder?😉)


Wenn wir lernen, zu erkennen, kurz zu parken und bewusst zu lenken, wird sie zu einer Kraftquelle, nicht zu einem ständig unangenehmen Gefühl oder einer Gefahr.


Wut tut manchmal sogar richtig gut – und sie gehört zu einem gesunden Gefühlsleben dazu.


Sie darf in den unterschiedlichsten Phasen der Entwicklung – von der Autonomiephase über die Pubertät bis ins Erwachsenenalter – immer wieder neu erfahren und gelenkt werden.


Das Lenken-Lernen ist dabei oft das Schwierigste.


Aber genau darin liegt die Chance, sich selbst und andere klarer und mitfühlender zu verstehen.


Vielleicht ist es das, was Wut uns lehren will:

rechtzeitig zu parken, statt gegeneinander zu krachen – und dann wieder loszufahren, wenn sich die Wogen gelegt haben. 🚗💛


🔗 Weiterlesen:


📚 Literatur:


1Bohne, M. (2021): Psychotherapie und Coaching mit PEP®. Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie. Carl-Auer Verlag.

v. Witzleben, G. (2019): Das triadische Prinzip – Minimalinvasive Psychologie mit Bauch, Herz und Kopf. Carl-Auer Verlag.

 
 
 

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